Fraumünsterquartier und Fraumünsterstrasse 17, 8001 Zürich

Die Gunstlage des Fraumünsterquartiers unweit von Limmat und Zürichsee hatten schon die Römer schätzen gelernt. Besonderen Gefallen daran fand die Kirche, die sich dort im Jahre 853 von Ludwig dem Deutschen ein Frauenkloster (das "Fraumünster") errichten liess*. Die Gründeräbtissin des benediktinischen Ordens hiess Hildegard. Immerhin war sie des Financiers (Ludwig) Tochter. Von ihr existiert noch heute ein alter Schuh.

Im Mittelalter hiess das Fraumünsterquartier "Chratzquartier" und war in seiner Architektur ganz anders gestaltet als heute.

Der Name "Chratzquartier" geht auf eine Naturerscheinung zurück. Früher hatte es im Chratzquartier, das auf einer Landzunge im See liegt, und entlang des Fröschengrabens (heute Bahnhofstrasse) viele Pfützen und Sümpflein mit moderig-warmem Wasser: Eine ideale Brutstätte für Stechmücken. Stechmückenstiche "beissen" bekanntlich ganz schön. Im "Chratz"quartier mussten sich die Bewohner und Besucher in den Sommermonaten ständig kratzen (heute gäbe es dagegen Fliegengitter, denn die Mücken stechen vor allem Nachts). Von den Stechmücken (mehrere Arten) kommt also der Name "Chratzquartier".**

Das Chratzquartier wurde auf der Westseite begrenzt durch den Fröschengraben. Dort wuschen die weniger begüterten Chrätzlerinnen (Bewohnerinnen des Chratzquartiers) den Damen vom Zürichberg die schmutzige Wäsche. Das weiche Wasser im Fröschengraben eignete sich hierzu vorzüglich. Im seeseitigen Teil beim Fröschengraben befand sich der "Baugarten" (Garten des Stadtbauherrn) und nahe der Limmat der "Chratzturm", auf dem der Turmwächter Ausschau nach Feuer hielt.

Mitte des 19. Jahrhunderts passte das Chratzquartier mit seinen Sackgassen, mittelalterlichen Bauten und Bewohnern der Unterschicht nicht mehr ins Konzept der aufblühenden Geschäftsmetropole Zürich. Nach heftigem Streit zwischen Stadtbehörden und Konservativen, die dort ihr Versammlungslokal hatten, wurde das Chratzquartier im Jahre 1877 niedergemacht und in den nächsten Jahren neu aufgebaut. 1880 war das neue Börsengebäude erstellt und es siedelten sich in der Nähe viele Kaufleute an.

Unsere Kanzlei an der Fraumünsterstrasse 17 liegt 100 Meter südlich des Fraumünsters mitten im alten Chratzquartier. Das Haus wurde nach den Angaben des städtischen Bauarchivs im Jahre 1880 gebaut. Die Nachbarliegenschaft Nr. 15, in der sich die älteste Bar von Zürich ("Old Fashion") befindet, datiert von 1886. Die Liegenschaft Fraumünsterstrasse 17 bildet Teil der Umhüllung des Kappelerhofes, einem öffentlich zugänglichen Innenhof mit Grünfläche, Blumenbeeten, Bäumen und Sitzbänken.

Im Jahre 1900 gehörte das Haus dem Tuchhändler Friedrich Heinrich Fäsi***. Dieser führte dort mit seinem Kompagnon Thomas William-Bornscheuer ein Textilgeschäft. Ob die beiden auch mit Seide handelten wie ein Herr Gurtner im Parterre und 15 weitere Kaufleute an der Fraumünsterstrasse und um den Münsterhof, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls scheint das Haus Fraumünsterstrasse 17 aber um 1910 weitgehend der Mode gedient zu haben, damals beherbergte es nämlich die folgenden Bewohner:

  • Parterre: Gurtner, Seidengeschäft
  • 1. Stock: Dr. Ernst Meyer, Rechtsanwalt, vormals (1900) im Entresol der Börse tätig
  • 2. Stock: Müller, Kassier und Prokurist
  • 2. Stock: Müller, Schneiderin
  • 3. Stock: Schneeli, Modistin (= Hutmacherin)
  • 4. Stock Thomas William-Bornscheuer, Kaufmann, vormals (1900) Münsterhof 4
  • 5. Stock: William & Co, Tuchhandel, vormals (1900) Münsterhof 8

Bevor wir in der 3. Etage der Fraumünsterstrasse 17 das Advokaturbüro Maurer & Stäger einrichteten, betrieb dort ein berühmtes Uhrengeschäft einen Teil seiner Manufaktur. Wir haben die Räume sanft vom Uhrenatelier in eine Anwaltskanzlei gewandelt.

  
 * Diese Jahreszahl wird von den Vertretern der Phantomzeittheorie in Frage gestellt. Die Phantomzeittheorie besagt, dass im frühen Mittelalter 300 fiktive Jahre in unsere Zeitrechnung eingeschoben wurden. Tatsächlich lebten wir nach dieser Theorie heute im Jahre 1705.

**Weitere, weniger glaubwürdige Theorien besagen, der Name käme daher, weil das Quartier auf einer Landzunge in den Zürichsee hinein liegt, auf der man wie in in einem Kratten gefangen war (nur Zutritt von Norden her). Oder: dass dort Chrätzen (= Kratten) verkauft wurden. Im Chratzquartier fand nämlich schon damals der Wochenmarkt statt (heute: Bürkliplatz).

****Dessen Sohn Robert war Literaturprofessor und schrieb die Erzählung "Füsilier Wipf" (1938 als Werk der geistigen Landesverteidigung verfilmt).